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NRZ 01.06.2001
"Schein-Libanesen": Die Abschiebung stockt
Vor einem Jahr hat Dezernent Hinsen einen Millionenschaden
durch angeblich betrügerische Flüchtlinge ausgemacht
und Ausweisungen angekündigt. Zwei Versuche scheiterten.
Zwölf Monate ist es her, es war kurz vor der Landtagswahl,
da preschte Ordnungsdezernent Ludger Hinsen vor, sprach
von einem "riesigen Asylskandal" und einem "Millionenschaden
für die Stadt", verursacht durch jene 800 mutmaßlichen
"Asylbetrüger", die sich angeblich als Libanesen ausgegeben
haben, obwohl sie angeblich türkischer Herkunft seien.
Der juristische Nachweis des für Hinsen damit einher
gehenden Sozialhilfe-Betruges in Höhe von neun Millionen
Mark ist seitdem ebensowenig gelungen wie eine Abschiebung
der Betroffenen im großen Stil, die der Ordnungsdezernent
damals ankündigte. Die nackte Bilanz: Zwar sind sieben
bereits ausgewiesene "Schwerstkriminelle aus der Drogenszene",
so Wendel Lorenz, Leiter des Ausländeramts, im Zuge
der Recherchen ermittelt und abgeschoben worden: "Das
ist ein Erfolg." Aber: Die zwei einzigen Versuche
der Abschiebung von nicht straffälligen "Scheinlibanesen",
die sich einen Aufenthalt durch Nicht- oder Falschbeurkundung
erschlichen haben sollten, scheiterten. Die Behörden
in Istanbul schickten die Männer zurück: "Ihr seid
keine Türken." Die Abschiebung stockt, die Menschen
bleiben hier. Aber das Klima ist vergiftet, sagen
Hilfsorganisationen und politische Opposition. Und
so wird sich CDU-Mann Hinsen zum Jubiläum seines bundesweit
für Schlagzeilen sorgenden Vorgehens einmal mehr den
Vorwurf gefallen lassen müssen, eine Gruppe von Menschen
"pauschal kriminalisiert" sowie einem "unerträglichen
Druck" ausgesetzt zu haben, nicht zuletzt durch massenhafte
DNA-Tests zum "umstrittenen Nachweis von Nationalitäten".
Die Flüchtlingshelfer von "Pro Asyl" machten jetzt
den Fall des Mannes öffentlich, der am 31. Oktober
von der Ausländerbehörde abgeschoben wurde, doch wenige
Tage später wieder zurück kam. Das Schicksal des vierfachen
Familienvaters, dessen Kinder in Essen geboren sind,
der von sich selbst sagt, am 1. Januar 1973 in Beirut
zur Welt und vor 14 Jahren als nationallibanesischer
Bürgerkriegsflüchtling nach Deutschland gekommen zu
sein, zeigt, was einem zwischen den Mühlen der Bürokratie
widerfahren kann.
Von 20 Polizisten verhört und
bedroht
Da die Ausländerbehörde überzeugt
ist, dass Mahmoud Al-Zein in Wirklichkeit der ein
Jahr ältere kurdische Türke Orhan Arslan ist, ließ
sie den Mann in die Türkei ausfliegen. 20 Polizisten
verhörten ihn 35 Stunden lang im Keller des Flughafens,
"sie drohten mit Prügel", als der arabisch sprechende
Mann über einen Dolmetscher beteuerte, nicht Arslan
zu sein. Die Istanbuler Behörden "überprüften alles",
bis sie den Abgeschobenen abschoben. Dass er bei einem
viertägigen Zwischenstopp in Bukarest im Freien übernachten
musste, sei am Rande erwähnt. Mehr Aufmerksamkeit
verdient: Die Ausländerbehörde, die bei der türkischen
Identität Al-Zeins oder der nicht libanesischen Abstammung
Arslans (noch) "über jeden Zweifel erhaben ist", könnte
falsch gelegen haben. Nicht auszuschließen ist, dass
der wahre Orhan Arslan in Marburg/Biedenkopf lebt.
"Das prüfen wir zur Zeit zusammen mit dem türkischen
Generalkonsulat", bestätigte Wendel Lorenz gestern.
Für die Tatsache, dass dem Flüchtling zwischenzeitlich
und vor dem Ergebnis dieser Recherchen eine zweite
Abschiebung in Aussicht gestellt wurde, hat "Pro Asyl"
allenfalls einen Kommentar übrig: "Das ist Menschen
verachtend."
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